
Die Geschichte des ehemaligen Israelitischen Krankenhauses in der Eitingonstraße 12 in Leipzig, in dem sich die Frauenklinik des Städtischen Klinikums „St. Georg“ bis zum Jahre 2002 befand, widerspiegelt gleichermaßen die großen Verdienste jüdischer Bürger und das Leid, das ihnen in dieser Stadt widerfahren ist.
Nahezu ein Jahrhundert lang hat die jüdische Gemeinde einen bemerkenswerten Beitrag zum geistig-kulturellen Leben und zur Stellung Leipzigs als Wirtschafts- und Handelszentrum geleistet. Namen wie Henriette Goldschmidt, Philipp-Rosenthal, Kroch, Max Ariowitsch und Chaim Eitingon gehörten zu den namhaftesten Vertretern, deren Wirken auch sehr stark sozial geprägt war.
Chaim Eitingon, ein bedeutender Pelzhändler vom Brühl, wurde am 6. Dezember 1859 in Moskau geboren und gründete dort im Jahre 1882 eine Rauchwarenfirma, die er Ende des 19. Jahrhunderts teilweise nach Leipzig verlegte. Im Jahre 1917 zog die Familie endgültig in die damals prosperierende Messestadt. Während der Zeit der „Weimarer Republik“ wurde das Unternehmen eines der bedeutendsten in dieser Branche und Eitingon erhielt den Titel „König am Brühl“. Dadurch war es ihm möglich, seine Geschäfte weltweit auszudehnen. Unter anderem gründete er eine Filiale in New York.
Chaim Eitingon war zu dieser Zeit ein geachteter und erfolgreicher Geschäftsmann, ein Philanthrop und Wohltäter. Ihm war es Verpflichtung, seinen ostjüdischen Glaubensbrüdern, vor allem Handwerkern und Kleingewerbetreibenden, mit Spenden und Darlehen zu helfen.
Anfang der 20er Jahre stiftete Chaim Eitingon die Ez-Chaim-Synagoge in der Otto-Schill-Straße, die später von den Nazis in der Progromnacht vom 9. zum 10. November 1938 angezündet wurde.
Bereits seit 1919 existierte in der König-Johann-Straße (heute Tschaikowski-Straße) ein erstes Israelitisches Krankenhaus mit fünfundzwanzig Betten. Es war jedoch ein Provisorium.
Die nach Chaim Eitingon genannte Stiftung ermöglichte auch den Neubau eines Israelitischen Krankenhauses, das am 17. Mai 1928 im sogenannten Waldplatzviertel eingeweiht wurde.
Das Haus selbst wurde von ihm und seiner Frau Alexandra, die Innenausstattung von Motty Eitingon und seiner Frau Fanny (New York) gestiftet.
Anläßlich der Eröffnung hielt der Rabbiner, Dr. Ephraim Carlebach in Anwesenheit des Oberbürgermeisters der Stadt Leipzig, Dr. Karl Rothe, und des Kreishauptmannes, Dr. Markus, die Einweihungsrede. Während der Einweihungsfeierlichkeit gab der Oberbürgermeister die Umbenennung der an das Krankenhaus grenzenden Straße in Eitingonstraße bekannt. Das Eitingon-Krankenhaus war die erste jüdische Klinik in Sachsen und fand unter allen jüdischen Stiftungen die größte Resonanz. Es stand Patientinnen aller Konfessionen offen, wurde aber nach den jüdischen Speisegesetzen streng rituell geführt.
Das Krankenhaus war als so genanntes „Stubenkrankenhaus“ mit 79 Betten angelegt und entsprach zum damaligen Zeitpunkt modernsten medizinischen Erkenntnissen. Es verfügte beispielsweise über einen „Apparat für Röntgendiagnostik“, den damals nur wenige Universitätskliniken in Deutschland besaßen.
Im größten Raum standen für damalige Verhältnisse „nur 7 Betten“. Das Krankenhaus sollte den Charakter eines Sanatoriums haben. Es wird bis heute von einem 11500 qm großen Parkgelände umgeben. Zwei weit über die Grenzen Leipzigs bekannte jüdische Ärzte folgten damals der Berufung an dieses Krankenhaus. Dr. Ludwig Frankenthal (1885) als Chirurg und Dr. Pascal Deuel (1885 bis 1932) als Internist.
Der Stifter, Chaim Eitingon, starb am 24. Dezember 1932. Wenige Monate nach dem Tode seiner Frau. Nur kurze Zeit später begann das schlimmste Kapitel in der deutschen Geschichte - die Naziherrschaft. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 begannen die Deportationen und der Mord an über 14.000 jüdischen Bürgern der Stadt Leipzig. Auf Anordnung des Gauleiters Mutschmann wurde am 15. Dezember 1939 in einer Blitzaktion das damalige „Israelitische Krankenhaus zu Leipzig“ von jüdischen Kranken geräumt. Personal und Patienten wurden in die Heilanstalt Leipzig-Dösen gebracht. Das Israelitische Krankenhaus existierte unter dieser Bezeichnung dort zunächst auf der Station B5 und später im Haus D noch bis 1943. Der letzte Chefarzt, Professor Otto Michael, wurde am 15. August 1943 zusammen mit den Kranken nach Theresienstadt deportiert und später umgebracht.
Seit 1992 erinnert die Otto-Michael-Straße in Leipzig an ihn. Am Ende des Krieges diente das ehemalige Israelitische Krankenhaus als Lazarett, nach dem Krieg einige Zeit lang zur Betreuung von Tuberkulose-Patienten.
In den fünfziger Jahren setzte sich die Kliniksentbindung gegenüber der Hausgeburt allgemein durch. Die Geburten stiegen nach dem drastischen Nachkriegstief wieder an. Dieser Entwicklung trug die Stadt Leipzig mit der Eröffnung einer „Städtischen Frauenklinik“ im ehemaligen Israelitischen Krankenhaus am 8.3.1953 Rechnung. Seit 1992 ist diese Teil des Klinikums „St. Georg“.
Zwei Gedenktafeln, die auf die Stifter verweisen, mußten während der Naziherrschaft entfernt werden. Die Tafeln wurden 1992 zufällig im Keller des ehemaligen jüdischen Gemeindehauses in der Löhrstraße entdeckt und nach ihrer Restaurierung an der alten Stelle in der Eingangszone wieder angebracht.
Am 14. August 1992 erhielt das Krankenhaus in einer Feierstunde den Namen, den ihm die Leipziger schon vor Jahren gegeben hatten - Eitingon-Krankenhaus. Den bronzenen Schriftzug über dem Portal enthüllte die aus New York angereiste Enkelin des Stifters Chaim Eitingon, Eva Mayer. Aus diesem Anlaß sagte Eva Mayer, die als Elfjährige mit der Familie emigrieren mußte: "Ich hätte es mir nicht träumen lassen, fast 60 Jahre nach meiner Ausreise wieder vor diesem Krankenhaus zu stehen“.
Entwicklung der Städtischen Frauenklinik (Eitingon-Krankenhaus) bis zur Gegenwart
Von vielen Leipzigern bald nur noch „Eitingon“ genannt, wurde diese Klinik von der Bevölkerung von Anfang an gut angenommen. Als das „Haupthaus“ durch den Babyboom der fünfziger und sechziger Jahre aus den Nähten zu platzen drohte, wurde mit der Eröffnung eines zweiten Kreißsaales und einer weiteren Wochenstation in der Jacobstraße sowie einer zweiten Außenstelle in der Max-Planck-Straße die Klinik dezentral erweitert. Mit dem Geburtenrückgang in den siebziger Jahren wurden der Kreißsaal in der Jacobstraße und später beide Außenstellen wieder geschlossen.
Unter der Leitung von Prof. H. Hirschberg (1953 bis 1963), Prof. H. Andreas (1963 bis 1976), Prof. K. Piskazeck (1976 bis 1989), Dr. Th. Knaus (1989 bis 1997) und Prof. U. Köhler (ab 1.1.1998) war und ist die Klinik ein medizinisches Leistungszentrum sowohl auf dem Gebiet der Geburtshilfe als auch auf dem Gebiet der operativen Gynäkologie sowie gynäkologischen Onkologie. Nach dem erheblichen Geburtenrückgang in den neunziger Jahren zeigte sich in den letzten Jahren wieder eine deutlich ansteigende Tendenz. Die Klinik ist mit der angeschlossenen neonatologischen Abteilung ein Zentrum für die Betreuung von Risikoschwangerschaften und -geburten. Besondere Erfahrungen bestehen bei der Behandlung schwangerer Diabetiker. Auf diesem Gebiet ist die Klinik führend in Sachsen.
Mit nahezu 3000 größeren und kleineren operativen Eingriffen hat sich die Klinik auf dem Gebiet der operativen Gynäkologie ebenfalls zu einem der führenden Zentren entwickelt. Zum Spektrum gehören die gesamte Palette abdominal- und vaginalchirurgischer „Standardeingriffe“ sowie die operative Behandlung gynäkologischer Malignome. Einen wesentlichen Schwerpunkt bildet gegenwärtig die Mammachirurgie einschließlich plastischer und rekonstruktiver Operationsverfahren.
Am 01.04.2002 bezog die Frauenklinik einen kompletten Neubau auf dem Gelände des heutigen Klinikums St. Georg gGmbH. Die Infrastruktur des neuen Hauses entspricht modernsten Gesichtspunkten. Damit haben sich die Bedingungen für unsere Patientinnen und alle Mitarbeiter nachhaltig verbessert und zugleich erscheint die Weiterentwicklung des gesamten Fachgebietes auf dem Weg im 21. Jahrhundert gesichert.
Das Gebäude in der Eitingonstraße 12 wurde komplett saniert, umgebaut und wird weiterhin von verschiedenen Sozialeinrichtungen der Stadt Leipzig genutzt.
Damit wird das Vermächtnis des Stifters, Chaim Eitingon, nach wechselvoller Geschichte, in der sich wesentlich die Geschichte des 20. Jahrhunderts widerspiegelt, weiter erfüllt und für kommende Generationen bewahrt.