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Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerztherapie mit Abteilung Palliativmedizin

Historischer Überblick

Narkose zwischen Mythos und moderner Naturwissenschaft

Schon im Altertum kannte man die berauschende Wirkung pflanzlicher Extrakte und nutzte diese für religiöse und medizinische Zwecke. Der Fortschritt in der Medizin ermöglichte schon vor Jahrtausenden operative Eingriffe. Bereits die Inka eröffneten zu Heilzwecken den menschlichen Schädel (Trepanation). Die Medizin der alten Griechen oder Ägypter erreichte einen erstaunlich hohen Stand. Doch im Mittelalter stagnierte diese Wissenschaft. Es war vor allem der übermächtige Einfluß religiöser Dogmen, der dem Fortschritt entgegenstand. Die Medizin begann sich erst im 19. Jahrhundert als moderne Naturwissenschaft zu entwickeln. Der Durchbruch auf dem Gebiet der Chirurgie war erst durch zwei bahnbrechende Innovationen möglich: Die Asepsis (Keimfreiheit) und die Narkose.

Seit dem Altertum benutzt der Mensch Zaubertränke, um sich in Rausch oder Schlaf zu versetzen. Tausend Mythen und Legenden ranken sich um die damit verbundenen religiösen Kulte. Was vom Mythos blieb, ist bis heute die Faszination Narkose. Die moderne Medizin ist in der Lage, das menschliche Bewußtsein durch eine Anästhesie wie mit einem magischen Schalter auszuschalten, solange es der operative Eingriff erfordert und anschließend wieder einzuschalten. Meilensteine auf dem Gebiet der relativ jungen Anästhesiegeschichte waren beispielsweise 1772 die Entdeckung des Lachgases durch Priestley. Erst 71 Jahre später wurde durch Wells in Boston versucht, damit eine Narkose durchzuführen. Damals leider erfolglos. Das Geburtsdatum der modernen Anästhesie ist der 16. Oktober 1846. Morton demonstrierte die erste erfolgreiche Äthernarkose.

Heute ist die moderne Anästhesie in den Industrienationen eine nahezu perfektionierte medizinische Fachdisziplin, die auf einem soliden wissenschaftlichen Fundament steht, sich sehr sicherer moderner Medikamente und High Tech bedient und dem Patienten eine risikominimierte Narkose ermöglicht. Trotzdem sind einige molekulare Prozesse des künstlichen Schlafes bis heute noch nicht bis ins letzte Detail erforscht.

Entwicklung der Anästhesie, Intensiv- und Schmerztherapie am Krankenhaus »St. Georg« Leipzig

1913 - 1949:
Äthertropfnarkosen und örtliche Betäubungsverfahren kommen in diesem Zeitraum für die operative Schmerzausschaltung zum Einsatz. Ab den 30er Jahren wird das neu entdeckte Schlafmittel Evipan - zum Spritzen in eine Vene geeignet - gelegentlich für Kurznarkosen oder für die Einleitung einer Narkose genutzt. Im gleichen Zeitraum wird die Periduralanästhesie (Spritzen eines Betäubungsmittels in Rückenmarknähe) eingeführt.

1950 - 1959:
1950 wird die erste Intubationsnarkose (Einführung eines Narkosebeatmungsschlauches in die Luftröhre) im »St. Georg«-Krankenhaus durchgeführt. Für die Aufrechterhaltung der Narkose wurden nunmehr auch einfache Narkosegeräte genutzt, mit deren Hilfe ein Sauerstoff-Lachgas-Äthergemisch dosiert und der mit Curare gelähmte Patient beatmet werden konnte. Die heute als Standardverfahren geltende Intubationsnarkose setzte sich zunächst zögerlich (1954: 63 Intubationen), später aber zunehmend durch (1959: 504 Intubationen).

1960 -1968:
Mit der Schaffung einer Anästhesieabteilung am 8.3.1960 - zunächst noch im Verbund der Chirurgischen Klinik - und mit der Qualifikation von Dr. Gmyrek zum Narkosefacharzt erlebte das junge Fachgebiet einen deutlichen Aufschwung. Narkosen wurden jetzt zunehmend von Ärzten unter Anwendung von Narkosegeräten durchgeführt. Damit wurde nicht nur die Patientensicherheit erhöht, sondern es waren auch größere chirurgische Eingriffe bei vorgeschädigten Patienten möglich. Das neue Narkosemittel Fluothan verdrängte auf Grund seiner positiven Eigenschaften den Narkoseäther vollständig. Die an diesem Haus unter Leitung von Dr. Geikler konstruierte und gebaute Herz-Lungen-Maschine ermöglichte Operationen am offenen Herzen. Auf der chirurgischen Wachstation wurde die Langzeitbeatmung (Geräte der Firma Dräger und Engström) und die künstliche Ernährung eingeführt, wodurch schwerkranke Patienten mit sonst aussichtslosen Erkrankungen, wie z. B. Wundstarrkrampf, überlebten.

1969 - 1989:
Am 1.9.1969 wurde die selbständige Abteilung (später Klinik) für Anästhesie und Intensivtherapie gegründet. Neue Narkosemittel, wie z. B. Ketamin, Fentanyl, Dehydrobenzperidol, sowie neu entwickelte Beatmungsgeräte (Medimorph, Univent, Praktivent der Fa. MLW Leipzig) schufen ein breites Spektrum für die Narkosepraxis. Dazu kam ein ständig zunehmender Qualifizierungsgrad von Ärzten und Pflegepersonal, der neben den Gebieten Anästhesie und Intensivtherapie auch die Notfallmedizin mit einschloß. Insofern besetzten Ärzte aus dieser Klinik den Rettungswagen der Stadt Leipzig mit, der von 1975 - 1989 in der Regie der Schnellen Medizinischen Hilfe war. Auf der Intensivstation wurden entsprechend des interdisziplinären Charakters neben chirurgischen auch internistische und neurologische Patienten behandelt. Dazu gehörten unter anderem Kranke mit chronischem Nierenversagen. Ab 1.3.1972 wurden diese Patienten dann auf der neu gebauten Dialysestation (6 Plätze für chronische und 2 Plätze für akute Dialyse (Nierenwäsche)) versorgt. Am 6.12.1982 wurde die neu eröffnete Brandverletztenstation mit 5 Betten in die Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie integriert. Bis 1989 wurden hier 198 Schwerbrandverletzte chirurgisch, intensivmedizinisch und anästhesiologisch behandelt.

1990 - heute:
Obwohl das fachliche Wissen unserer Ärzte gegenüber denen, die bisher in der alten Bundesrepublik arbeiteten, in nichts nachstand, brachte die Wende doch viele positive Änderungen in unserer Klinik. So wurden moderne Narkose-, Überwachungs- und Beatmungsgeräte, Medikamentenpumpen und vieles mehr zum Nutzen der Patienten angeschafft. Einmalgebrauchsartikel verbesserten die hygienischen und Arbeitsbedingungen. Verfeinerte Techniken (Nervenstimulator, hochwertiges Kathetermaterial) führten zu einer Aufwertung der örtlichen Betäubungsverfahren. Der neu geschaffene Aufwachraum im Zentral-OP sorgte ab 1994 für eine kontinuierliche Weiterbetreuung frisch operierter Patienten nach größeren Eingriffen durch den Anästhesisten. Auf der Intensivstation wurden neue Methoden des Luftröhrenschnittes für länger beatmete Patienten eingeführt und die kontinuierliche Blutwäsche durch Anschaffung moderner Geräte in eigene Regie übernommen. Dazu kam der Einsatz einer breiten Palette neuer gut steuerbarer und hochwirksamer Medikamente für die Narkose, Intensiv- und Schmerztherapie. Mit dem qualitativen und quantitativen Ausbau der Schmerzambulanz und der stationären Behandlung chronischer Schmerzkranker in anderen Kliniken unseres Hauses trägt unsere Klinik seit 1994 die Bezeichnung "Klinik für Anästhesiologie, Intensiv- und Schmerztherapie". Seit November 1998 gehört die neue Palliativstation ebenfalls zu unserer Klinik.

Herausragende Persönlichkeiten der Entwicklung der Anästhesie im Klinikum St. Georg

Arthur Läwen - ein Wegbereiter der modernen Anästhesie
Georg Arthur Läwen wurde am 6. Februar 1876 in Waldheim (Sachsen) geboren. Das Medizinstudium führte ihn nach Rostock, Freiburg, München und Leipzig, wo er ab 1898 Trendelenburgs Vorlesungen hörte und 1900 das Examen ablegte. Im selben Jahr begann er seine chirurgische Ausbildung am Diakonissenkrankenhaus Leipzig Lindenau unter Heinrich Braun als sein einziger Assistent. Auf dessen Empfehlung hin erhielt Läwen 1904 eine Assistentenstelle an der von Friedrich von Trendelenburg geleiteten Chirurgischen Klinik der Universität Leipzig und habilitierte 1908. Im Jahre 1912 übernahm er die Leitung der chirurgischen Abteilung des eben fertiggestellten Städtischen Krankenhauses »St. Georg« in Leipzig und wurde 1913 zum außerordentlichen Professor berufen. 1920 folgte er dem Ruf als Ordinarius für Chirurgie nach Marburg und bekleidete diese Position bis zu seinem Wechsel nach Königsberg im Jahre 1927. Während beider Weltkriege widmete er sich den chirurgischen und anästhesiologischen Besonderheiten bei der Versorgung kriegsbedingter Verletzungen. Nach seiner Flucht 1945 lebte Arthur Läwen bei seiner Tochter in der Lüneburger Heide bis zu seinem Tode am 30. Januar 1958.

Zeit seines Lebens befaßte sich Arthur Läwen mit den Verfahren der Regionalanästhesie und ihrer Weiterentwicklung.
Hervorzuheben sind unter anderem:

  • seine pharmakologischen Untersuchungen gebräuchlicher und neu entwickelter Lokalanästhetika (z.B. Novocain)
  • Verbesserung der Qualität der Anästhesie mittels Alkalisierung der verwendeten Lösung
  • Standardisierung der Technik der Sakralanästhesie (Nervenblockade am Kreuzbein)
  • Entwicklung der paravertebralen Anästhesie (Betäubung von Nerven neben der Wirbelsäule) zur Praxistauglichkeit und Anwendung dieses Verfahrens zur Anästhesie, zur Schmerzbehandlung nach Operationen und als wertvolles Hilfsmittel bei der Diagnosefindung

Stets legte er größten Wert auf die Auswahl des geeignetsten Anästhesieverfahrens und die Vermeidung von Komplikationen.

Läwen untersuchte die Problematik des Wärmeverlustes in der Operation und empfahl Maßnahmen der Wärmezufuhr während ausgedehnter chirurgischer Eingriffe. Vorwiegend experimentellen Charakter trugen seine Arbeiten zur Anwendung von Muskelentspannung und Beatmungstherapie mittels Trachealkanüle (Beatmungsschlauch, der durch die Luftröhrenwand in die Luftwege führt), vor allem zur Behandlung des Wundstarrkrampfes. Dabei erkannte Arthur Läwen den Wert der Kombination von Narkosemitteln, Medikamenten zur Muskelentspannung (Curare) und der künstlichen Beatmung für den operativen Betrieb, diese Idee konnte sich jedoch im deutschen Sprachraum nicht gegen die Ansichten des Chirurgen Sauerbruch durchsetzen. Der von Läwen entwickelte Beatmungsapparat zur Wechseldruckbeatmung bewährte sich sowohl im Tierexperiment als auch beim Einsatz am Menschen über viele Stunden.

Dr. med. Gmyrek, Chefarzt der Klinik für Anästhesiologie und Intensivtherapie von 1969 - 1990
Bereits seit 1958, mit Aufnahme seiner ärztlichen Tätigkeit im Krankenhaus »St. Georg«, widmete sich Dr. Gerd Gmyrek dem damals in Deutschland noch jungem Fachgebiet der Anästhesie. 1960 war er der 1. Facharzt für Anästhesie in diesem Haus. Im gleichen Jahr wurde er Leiter der Anästhesieabteilung, die zunächst noch im Verbund der Chirurgischen Klinik integriert war. Sein Wirken und seine Initiativen führten am 1. September 1969 zur Gründung der selbständigen Abteilung (später Klinik) für Anästhesie und Intensivtherapie, der er als Chefarzt bis zu seinem krankheitsbedingten Ausscheiden im März 1990 vorstand. Sein überdurchschnittliches Engagement sowie seine Fähigkeit Lücken zu erkennen, geradlinige Lösungswege aufzuzeigen und für deren Realisierung zu kämpfen, machten ihn zu einem anerkannten und bekannten Arzt über die damaligen Grenzen hinaus. Es war hauptsächlich sein Verdienst, daß 1972 die Dialysestation und 1982 die Brandverletztenstation am »St. Georg«-Krankenhaus eröffnet werden konnte, deren fachliche und organisatorische Leitung er ebenfalls inne hatte. Sein Interesse für die Arbeits- und Lebensbedingungen im Anästhesie- und Intensivbereich führten zur Herausgabe von 2 Vortragsbänden über diese Thematik (1975 und 1979). Seine Forschungsarbeit bezog sich unter anderem auf den Energieumsatz beim Intensivtherapiepatienten und dessen medikamentöse Beeinflussung sowie auf die Entwicklung eines Modells der computergestützten Blutdruckregulation. Eine von ihm konstruierte Spezialkanüle wurde für die Behandlung von Einengungen der Luftröhre verwendet. Auf seine Initiative hin wurde eine Gewebebank für die Konservierung von Haut geschaffen, deren Material zur Deckung schwerer Brandwunden diente.

Dr. Gmyrek war Lehrer und Vorbild für viele Ärzte, die unter seiner Leitung aus- und weitergebildet wurden. Nicht wenige seiner ehemaligen Schüler sind vom "Gmyrek'schen Arbeitsstil" geprägt und wirken heute als Chef- oder Oberärzte. Herr Dr. Gmyrek gehört zu den Arztpersönlichkeiten, die die Entwicklung des Fachgebietes Anästhesie, Intensivtherapie und Brandverletztenmedizin in unserem Land wesentlich mitbestimmten. Dr. Gmyrek hat sich stets mit ganzer Kraft für das Gesundwerden schwerkranker Patienten eingesetzt und ist dabei nicht selten an die Grenze seiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit gegangen. Viele Patienten verdanken ihm ihr Weiterleben.

Arthur Läwen
Arthur Läwen
Gerd Gmyrek
Gerd Gmyrek

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